Wer täglich spazieren geht und im Garten arbeitet, bewegt sich viel – und trotzdem bleiben manche Muskeln schwach. Warum Ausdauer und Kraft zwei verschiedene Reize sind und was das für Rücken und Knie bedeutet.
Symbolbild, mit KI erstellt
„Ich bin doch viel in Bewegung – ich gehe jeden Tag spazieren und arbeite im Garten.“ Diesen Satz höre ich oft. Und er stimmt: Wer sich so bewegt, tut seinem Herz-Kreislauf-System etwas Gutes. Trotzdem bleiben manche Muskeln schwach, und Rücken oder Knie machen weiter Probleme.
Wie passt das zusammen?
Spazierengehen, Radfahren oder Gartenarbeit gehören zur sogenannten aeroben Aktivität. Sie bringen Puls und Atmung in Schwung. Das ist wichtig für Herz, Kreislauf und Stoffwechsel.
Für die Muskulatur ist der Reiz dabei aber meist zu gering. Ein Muskel braucht einen bestimmten Widerstand, um stärker zu werden. Fachleute sprechen von mechanischer Spannung.
Erst wenn ein Muskel gegen einen Widerstand arbeitet, der ihn wirklich fordert, baut er Kraft und Substanz auf.
Beim Spazierengehen fehlt dieser Widerstand meist. Die Belastung ist niedrig, dafür aber lang und gleichmäßig. Das trainiert die Ausdauer. Die Kraft der Muskeln bleibt davon weitgehend unberührt.
Eine Übersichtsarbeit zu Trainingsumfang und Muskelwachstum zeigt: Damit ein Muskel sichtbar stärker wird, braucht es einen ausreichenden und wiederholten Reiz oberhalb eines bestimmten Widerstands – über Wochen hinweg gesteigert (Schoenfeld et al., 2017). Dieses Prinzip nennt sich progressive Belastungssteigerung. Ohne einen solchen gezielten Reiz bleibt die Kraft weitgehend auf ihrem Ausgangsniveau, selbst bei viel Bewegung im Alltag.
Deshalb empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihren Bewegungsleitlinien zwei unabhängige Bausteine: Ausdaueraktivität an den meisten Tagen der Woche – und zusätzlich muskelkräftigende Übungen für alle großen Muskelgruppen an mindestens zwei Tagen pro Woche (Bull et al., 2020). Beides wird empfohlen, weil beides unterschiedliche Wirkung hat. Das eine ersetzt das andere nicht.
Für ältere Erwachsene zeigt eine Cochrane-Übersichtsarbeit zusätzlich: Gezieltes, progressiv gesteigertes Krafttraining verbessert Muskelkraft und alltägliche Bewegungsfähigkeit messbar – etwa beim Aufstehen aus dem Sitzen oder beim Treppensteigen (Liu & Latham, 2009). Diese Effekte lassen sich mit lockerer Alltagsbewegung allein nicht in gleichem Maß erreichen.
Symbolbild, mit KI erstellt
Gelenke werden nicht allein durch Knochen und Bänder stabilisiert. Die umgebende Muskulatur trägt einen großen Teil dazu bei. Ist sie zu schwach, fehlt dem Gelenk Führung und Kontrolle – besonders bei Belastung, Richtungswechseln oder ungewohnten Bewegungen.
Das gilt für das Kniegelenk beim Bergabgehen genauso wie für die Wirbelsäule beim Heben einer Gießkanne. Wer viel spazieren geht, trainiert damit nicht automatisch die Muskulatur, die genau diese Gelenke in kritischen Momenten stabilisiert.
Spazierengehen und Gartenarbeit sind wertvoll – für Ausdauer, Kreislauf und Wohlbefinden. Als alleinige Strategie gegen Muskelschwäche oder wiederkehrende Gelenkbeschwerden reichen sie aber meist nicht aus. Dafür braucht es gezielte Kraftreize, angepasst an dein Ausgangsniveau und deine Beschwerden. Welche Beschwerden dahinterstecken können, findest du unter Beschwerden.
Im ersten Teil dieser Reihe ging es darum, warum Schmerz im Gehirn entsteht. In der nächsten Folge geht es darum, was ein Muskel konkret braucht, um Gelenke wirksam zu stabilisieren.
Wenn du das Gefühl hast, dass bei dir bisher die falsche Frage gestellt wurde, lass es uns gemeinsam anschauen.