Schmerzverständnis · Teil 4 von 4 · 15. September 2026 · Lesezeit ca. 4 Min.

Warum Dehnen bei Schmerzen meist nicht hilft

Der Rücken zwickt, die Schulter ist verspannt – und fast automatisch wird gedehnt. Zwei Studien aus dem Jahr 2025 zeigen, was dabei tatsächlich passiert.

Frau dehnt im Sitzen die Beinrückseite, der untere Rücken ist rot hervorgehoben

Symbolbild, mit KI erstellt

Der Rücken zwickt, die Schulter ist verspannt – und fast automatisch wird gedehnt. Es fühlt sich im Moment gut an. Die Frage ist, was dabei tatsächlich passiert.

Zwei Arbeiten aus dem Jahr 2025 geben darauf eine klarere Antwort als alles, was vorher vorlag.

Was gesichert ist

Dehnen vergrößert den Bewegungsspielraum eines Gelenks. Das ist gut belegt und steht nicht infrage. Offen war lange, woran das liegt.

Eine randomisierte Studie hat sechs Wochen Dehnen mit sechs Wochen Krafttraining der Wadenmuskulatur verglichen. Beide Gruppen wurden beweglicher. Beim Dehnen ließ sich ein Teil davon auf eine leicht geringere Gewebesteifigkeit zurückführen – der größere Anteil ging jedoch in beiden Gruppen auf etwas anderes zurück: auf eine höhere Toleranz gegenüber dem Dehnreiz selbst.

Das Gewebe wird also nicht wesentlich nachgiebiger. Der Körper erträgt den Zug besser. Warum das so ist und was daraus für die Muskelspannung folgt, habe ich in Dehnen: was im Muskel wirklich passiert ausführlicher beschrieben.

Wofür die Belege fehlen

Im selben Jahr hat ein internationales Gremium aus Dehnungsforschern den Forschungsstand in einem Konsenspapier zusammengefasst. Gesichert sind danach zwei Wirkungen: mehr Beweglichkeit, und eine etwas geringere Gewebesteifigkeit. Für vier weitere Effekte, die häufig erwartet werden, reicht die Datenlage nicht aus:

  • Dehnen trägt nicht wesentlich zum Muskelaufbau bei
  • Es wirkt nicht als umfassende Verletzungsprävention
  • Es verbessert die Haltung nicht
  • Es beschleunigt die Erholung nach Belastung nicht spürbar

Das ist keine Absage an das Dehnen. Es ist eine Eingrenzung dessen, was man davon erwarten darf.

Was das für dich bedeutet

Wer dehnt, weil sich eine Bewegung einseitig eingeschränkt anfühlt, gewinnt damit kurzfristig Spielraum. Das ist ein sinnvoller Einsatz.

Wer dagegen hofft, damit die Ursache eines wiederkehrenden Schmerzes zu beheben, wird meist enttäuscht. Denn Dehnen verändert vor allem die Wahrnehmung von Spannung – nicht die Funktion, die dahintersteht. Liegt die Ursache in einer unzureichenden muskulären Kontrolle, wie in Teil 3 dieser Reihe beschrieben, bleibt sie vom Dehnen unberührt.

Ein brauchbares Unterscheidungsmerkmal: Lässt der Schmerz nach dem Dehnen kurz nach und kehrt dann verlässlich zurück, war das Dehnen nicht die Antwort auf die eigentliche Frage.

Damit schließt diese Reihe. Vier Teile, ein roter Faden: Schmerz ist eine Einschätzung des Nervensystems, keine Messgröße für Gewebeschaden (Teil 1). Alltagsbewegung ersetzt keinen Kraftreiz (Teil 2). Ein Muskel muss nicht nur stark sein, sondern rechtzeitig reagieren (Teil 3). Und Dehnen verschiebt die Toleranz, nicht die Funktion. In den kommenden Wochen geht es mit neuen Themen weiter – unter anderem damit, warum ein Nerv sich eigentlich nicht „einklemmen“ kann.

Quellen

Warneke, K., Thomas, E., Blazevich, A. J., Afonso, J., Behm, D. G., Marchetti, P. H., Trajano, G. S., Nakamura, M., Ayala, F., Longo, S., Babault, N., Freitas, S. R., Costa, P. B., Konrad, A., Nordez, A., Nelson, A., Zech, A., Kay, A. D., Donti, O., & Wilke, J. (2025). Practical recommendations on stretching exercise: a Delphi consensus statement of international research experts. Journal of Sport and Health Science, 14, 101067. DOI: 10.1016/j.jshs.2025.101067

Murakami, Y., Konrad, A., Kasahara, K., Yoshida, R., Warneke, K., Behm, D. G., & Nakamura, M. (2025). Comparison between 6 weeks of static stretching and resistance training programs on passive and active properties of plantar flexors: a randomized controlled trial. Frontiers in Physiology, 16, 1555253. DOI: 10.3389/fphys.2025.1555253

Termin vereinbaren

Wenn du das Gefühl hast, dass bei dir bisher die falsche Frage gestellt wurde, lass es uns gemeinsam anschauen.

Praxis für Osteopathie Frederik Giesker

Frederik Giesker
Otto-Suhr-Allee 139
10585 Berlin
0151 – 68 50 91 09
praxis@osteopathie-giesker.de

Behandlungszeiten

Berlin-Charlottenburg
Mo 9–20 · Di, Mi, Fr 9–17
Do 9–18 · Sa 9–14 Uhr
Termine nach Vereinbarung

© 2026 Praxis für Osteopathie Frederik Giesker