Der Schmerz kommt plötzlich, bei einer harmlosen Bewegung. Was dabei tatsächlich im Körper passiert – und warum Schonung selten die beste Antwort ist.

Symbolbild, mit KI erstellt
Du bückst dich nach der Zeitung, hebst eine Kiste hoch oder drehst dich beim Aufstehen etwas zu schnell – und plötzlich sitzt ein stechender Schmerz im unteren Rücken. Aufrichten geht kaum noch.
Ein Hexenschuss, medizinisch akuter unspezifischer Kreuzschmerz, fühlt sich dramatisch an. Die Frage ist, was in diesem Moment wirklich passiert – und warum es oft bei einer eigentlich harmlosen Bewegung geschieht.
Ein Hexenschuss entsteht selten durch die eine Bewegung, bei der er auftritt. Häufig ist sie nur der letzte Tropfen. Dein Rücken arbeitet ständig – beim Sitzen, beim Tragen, bei einseitiger Belastung. Summieren sich über Tage oder Wochen kleine Belastungsspitzen, zu wenig Bewegungsvariation, Stress, ungewohnte Anstrengung, reagiert das System irgendwann mit einer Schutzreaktion.
Diese Schutzreaktion ist eine reflexartige Anspannung der tiefen Rückenmuskulatur, besonders der kleinen Muskeln entlang der Wirbelsäule. Tierexperimentelle Untersuchungen zeigen, dass deren Querschnittsfläche bereits wenige Tage nach einer Reizung von Bandscheibe oder Nervenwurzel deutlich abnimmt – vermutlich als Folge einer reflektorischen Hemmung, mit der das Nervensystem die Region vorübergehend ruhigstellt (Hodges et al., 2006).
Der stechende Schmerz ist also weniger das Zeichen einer strukturellen Verletzung als der Ausdruck eines überforderten, schützenden Nervensystems. Was das praktisch bedeutet, steht auf der Seite Osteopathie bei Hexenschuss.
Bei den allermeisten Menschen mit akutem Kreuzschmerz lässt sich keine eindeutige strukturelle Ursache finden – keine Fraktur, kein Bandscheibenvorfall, keine erkennbare Schädigung. Das bestätigt eine große Übersichtsarbeit im Fachjournal The Lancet: Nur bei einem kleinen Teil liegt eine klar abgrenzbare Ursache vor, bei der überwiegenden Mehrheit bleibt der Kreuzschmerz unspezifisch (Hartvigsen et al., 2018).
Die Autoren beschreiben Kreuzschmerz als Zusammenspiel mehrerer Faktoren: körperliche Belastung, aber auch psychische Anspannung, Schlaf, Stress und individuelle Risikofaktoren wie körperlich fordernde Tätigkeiten. Genau das macht den Hexenschuss zu einer komplexen Überbelastung des Systems – nicht ein Muskel oder ein Wirbel ist betroffen, sondern das Zusammenspiel gerät kurzzeitig aus dem Gleichgewicht.
Die gute Nachricht aus derselben Arbeit: Die Mehrheit erholt sich innerhalb weniger Wochen deutlich – auch wenn ein erneutes Auftreten keine Seltenheit ist. Dass ein Nerv sich dabei nicht einfach einklemmt, habe ich im vorigen Teil beschrieben.
Hier zeigt sich ein Widerspruch zwischen Leitlinie und gelebter Praxis. Klinische Leitlinien für akuten unspezifischen Kreuzschmerz empfehlen ausdrücklich, auf Bettruhe und unnötige Bildgebung zu verzichten und Betroffene zu ermutigen, aktiv zu bleiben.
Eine Befragung von über 1.250 Schweizer Hausärztinnen und Hausärzten zeigte jedoch, dass ein erheblicher Teil trotz bekannter Leitlinien weiterhin Aktivitätseinschränkungen empfiehlt – je nach Fallbeispiel rund 70 bis 80 Prozent – und häufig ein MRT veranlasst, obwohl das bei unspezifischem Kreuzschmerz ohne Warnzeichen nicht empfohlen ist (Trachsel et al., 2025).
Für dich heißt das: Längere Schonung ist beim einfachen Hexenschuss meist nicht die beste Strategie. Vorsichtige, dosierte Bewegung im schmerzarmen Bereich hilft dem System eher, die Schutzspannung wieder zu lösen, als starre Ruhigstellung.
Ein Hexenschuss ist selten ein kaputter Rücken, sondern meist Ausdruck eines überlasteten, schützenden Systems aus Nerven, Muskulatur und Alltagsbelastung. Welche Faktoren bei dir zusammenkommen, lässt sich nur in einer Untersuchung beurteilen – eine Übersicht weiterer Beschwerden findest du unter Beschwerden.
Hodges, P., Holm, A. K., Hansson, T., & Holm, S. (2006). Rapid atrophy of the lumbar multifidus follows experimental disc or nerve root injury. Spine, 31(25), 2926–2933. DOI: 10.1097/01.brs.0000248453.51165.0b
Hartvigsen, J., Hancock, M. J., Kongsted, A., et al. (2018). What low back pain is and why we need to pay attention. The Lancet, 391(10137), 2356–2367. DOI: 10.1016/S0140-6736(18)30480-X
Trachsel, M., Trippolini, M. A., Jermini-Gianinazzi, I., et al. (2025). Diagnostics and treatment of acute non-specific low back pain: do physicians follow the guidelines? Swiss Medical Weekly, 155, 3697. DOI: 10.57187/s.3697
Wenn du das Gefühl hast, dass bei dir bisher die falsche Frage gestellt wurde, lass es uns gemeinsam anschauen.

Frederik Giesker
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