Schmerzverständnis · Teil 9 · 13. Oktober 2026 · Lesezeit ca. 5 Min.

Was bedeutet ein Knacken im Gelenk?

Nutzt sich das Gelenk ab, wenn es knackt? Was beim Knacken physikalisch passiert – und was die Forschung zur Frage sagt, ob es schadet.

Mann hält sein Knie, daneben eine Ausschnittzeichnung des Gelenkspalts mit Gasbläschen

Symbolbild, mit KI erstellt

Du streckst dich morgens, drehst den Kopf zur Seite oder knackst mit den Fingern – und es macht „knack“. Viele Patienten fragen mich dann besorgt: Nutzt sich mein Gelenk ab? Ist das ein Warnsignal? Die gute Nachricht vorweg: Ein Knackgeräusch allein sagt wissenschaftlich betrachtet sehr wenig über den Zustand eines Gelenks aus. Was dabei tatsächlich passiert, ist inzwischen gut untersucht.

Was passiert beim Knacken wirklich?

Lange ging man davon aus, dass eine Gasblase in der Gelenkflüssigkeit platzt und so das Geräusch erzeugt. Eine Arbeitsgruppe der University of Alberta hat das 2015 direkt überprüft und Fingergelenke während des Knackens in Echtzeit im MRT gefilmt. Das Ergebnis war überraschend: Das Geräusch entsteht nicht beim Zerfall einer Blase, sondern genau umgekehrt – beim plötzlichen Entstehen eines Gashohlraums, wenn sich die Gelenkflächen unter Zug schnell voneinander lösen. Dieser Vorgang heißt Tribonukleation.

Die Gelenkflüssigkeit enthält gelöste Gase, hauptsächlich Kohlendioxid. Zieht man ein Gelenk leicht auseinander, sinkt kurzzeitig der Druck im Gelenkspalt, und das Gas bildet schlagartig eine Hohlraumblase – das ist das Knacken. Danach braucht das Gelenk eine gewisse Zeit, bis sich das Gas wieder löst. Deshalb lässt sich ein Gelenk nicht sofort ein zweites Mal knacken; diese Refraktärzeit wurde auch in Laborversuchen mit künstlicher Gelenkflüssigkeit bestätigt.

Schadet häufiges Knacken den Gelenken?

Das ist die Frage, die Patienten am meisten umtreibt – besonders bei Menschen, die gewohnheitsmäßig mit den Fingern knacken. Eine Fall-Kontroll-Studie an über 200 Personen zwischen 50 und 89 Jahren fand keinen Zusammenhang zwischen jahrelangem Fingerknacken und Arthrose der Hand – weder insgesamt noch am einzelnen Gelenk. Weder die Häufigkeit noch die Gesamtdauer des Knackens über die Jahre erhöhte das Arthroserisiko.

Ein älterer Übersichtsartikel weist allerdings darauf hin, dass gewohnheitsmäßiges Knacken in manchen Untersuchungen mit einer geringeren Griffkraft und gelegentlicher Weichteilschwellung einherging – ein Zusammenhang mit Arthrose zeigte sich auch dort nicht. Insgesamt liefert die vorhandene Forschung also keinen Beleg dafür, dass das Geräusch selbst das Gelenk beschädigt.

Warum knackt es manchmal während einer Behandlung?

Auch bei gezielten Gelenktechniken, wie sie in der osteopathischen Behandlung vorkommen, ist mitunter ein ähnliches Geräusch zu hören. Der Mechanismus ist derselbe: eine kurze, gezielte Distraktion des Gelenks, die zur Gasblasenbildung führt. Interessant ist, dass dieser Zug schneller abläuft, als die umgebende Muskulatur reflektorisch reagieren kann.

Das Geräusch selbst ist dabei ein Begleitphänomen der Technik – kein Maßstab dafür, ob und wie eine Behandlung wirkt. Ob und welche Technik im Einzelfall sinnvoll ist, lässt sich nur nach einer individuellen Untersuchung beurteilen.

Ein Knacken im Gelenk ist in aller Regel ein harmloses, gut erklärbares physikalisches Phänomen – keine Abnutzung und kein Hinweis auf Schäden. Anders sieht es aus, wenn das Geräusch regelmäßig mit Schmerzen, Schwellung oder Bewegungseinschränkung einhergeht. Dann lohnt ein genauerer Blick auf das Gelenk – eine Übersicht findest du unter Beschwerden.

Quellen

Kawchuk, G. N., Fryer, J., Jaremko, J. L., Zeng, H., Rowe, L., & Thompson, R. (2015). Real-time visualization of joint cavitation. PLoS ONE, 10(4), e0119470. DOI: 10.1371/journal.pone.0119470

deWeber, K., Olszewski, M., & Ortolano, R. (2011). Knuckle cracking and hand osteoarthritis. Journal of the American Board of Family Medicine, 24(2), 169–174. DOI: 10.3122/jabfm.2011.02.100156

Fryer, J. C., Quon, J. A., & Vann, R. D. (2017). A proposed in vitro model for investigating the mechanisms of joint cracking. Journal of the Canadian Chiropractic Association, 61(1), 32–39. Die Zeitschrift vergibt keine DOI.

Brodeur, R. (1995). The audible release associated with joint manipulation. Journal of Manipulative and Physiological Therapeutics, 18(3), 155–164. Für diesen Jahrgang ist keine DOI registriert.

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